Mein lieber Ort, der du nicht mehr existierst,
- Carolin Cherubin
- vor 2 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
manches verschwindet von der Landkarte, aber nie aus dem Körper.
Noch heute reicht der Geruch warmer Pinien und Salzluft, und ich bin wieder das kleine Mädchen, das den staubigen Rückweg vom Meer hüpfend zurücklegt, um sich die Füßchen im heißen Sand unter der glühenden Sonne der Côte d'Azur nicht zu verbrennen.
Unmittelbar jenseits des Meeresrauschen begann hinter deinem knarrenden Tor unter dem Schutz deiner hohen Pinien die Welt, die mich prägen und erfinden würde:
Dein einfaches umzäuntes Gelände beherbergte dort nicht mehr als zwanzig Wohnwagen und die kleine Baracke mit ihrem ganz eigenen unverkennbaren Geruch – ein Duft, der selbst heute nirgend anders hingehört. Immer wenn ich mir dort als Kind der einzigen deutschen Familie unter den Saisonbewohnern ein Eis kaufte, verstanden die Kriegsveteranen nicht immer meine Sprache, aber sie wollten mich verstehen.
Unter dem wohlwollenden Blick der Alten rannten wir Kinder barfuß frei zwischen den Pétanque-Spielen, spielten frei, ohne uns verbal zu verstehen, und lachten über die kleinen grasgrünen Frösche im Waschhaus.
Manchmal überbrückte ein kleines, bald zerfleddertes zweisprachiges Bilderbuch die Lücke zwischen zwischen unseren Welten, manchmal übersetzte eine alte Dame, die mit beiden Sprachen und Kulturen zwischen den Weltkriegen groß geworden war, nicht nur Worte, sondern auch Seinsweisen.
Wenn an besonderen Abenden wie dem Nationalfeiertag die lange Tafel aufgebaut wurde, trug jeder das Seine mit einem Stück Heimat dazu bei, und so luden sich Paella, Panettone, Taboulé, Bouillabaisse und Kartoffelsalat an den französischen Tisch mit ein und erzählten von ihren Wurzeln und gewundenen Reisen. Wenn die Dämmerung hereinbrach, flackerten bunte Lichterketten über uns auf. Dann stiegen die Klänge der Musette in die warme Nacht empor und übertönten für einen Augenblick den Gesang der Zikaden.
So tanzten und feierten wir unter ihrem Leuchten bis in die Nacht das Leben und fühlten uns über Sprache, Nationalität oder Geschichte hinaus zugehörig.
Du warst ein Ort, an dem Unterschiede verblassten, an dem Fremde zu Nachbarn wurden und an dem ein Kind lernte, dass Zugehörigkeit nicht immer eine Frage der Herkunft ist, sondern des Willkommenseins.
Auch wenn die Jahre mich weit fortgetragen haben, bleiben manche Orte untrennbar in das Gewebe dessen eingewoben, was wir sind. Sie verschwinden von den Landkarten, die Eigentumsverhältnisse wechseln, Tore schließen sich, Generationen ziehen vorüber – doch sie leben weiter: in der Erinnerung, im Duft, im Sonnenlicht und im Körper selbst.
So wurde Südfrankreich meine Heimat, lange bevor ich wirklich Französisch sprach.Als meine Eltern eines Tages beschlossen, eine neues Kapitel zu schreiben und nicht mehr zu dir zurückzukehren, fühlte es sich so an, als würde man mir mein Zuhause nehmen.
Ich habe das nie akzeptiert. Denn hier zwischen Meerluft, Pinien und Zikaden war ich an den langen Tischen zu derjenigen geworden, die ich erst viel später verstehen würde.
Erst viele Jahre später konnte ich zu dir zurückkehren. Und einige Überlebende oder Kinder der nächsten Generation erkannten mich und nahmen mich wieder unter sich auf.
Deine Gerüche waren geblieben, doch dein Geist war schon dabei zu verschwinden.
Hier prangte bereits ein Schild mit einer Baugenehmigung für eine luxuriöse Ferienanlage.
Mein Herz brach erneut bei dem Gedanken, dich diesmal für immer zu verlieren.
Lange blieb mir nur noch die Erinnerung an dich.

Manche Orte lassen einen jedoch nie ganz los. Sicher war es kein Zufall, dass ich Französisch lernte, nach Frankreich zog und dort mein Leben aufbaute. Du hattest in mir tiefe Wurzeln geschlagen.
Auf die Frage, warum ich die französische Staatsangehörigkeit beantrage, antwortete ich dem Konsul mit drei Worten: „C'est identitaire.“
Die Liebe zu dir wurde zu meinem Motor. Doch das Wichtigste, das du mir geschenkt hast, war nicht deine Sprache, deine Kultur und nicht einmal dein Land.
Um meine Tafel sammeln sich seit 20 Jahren meine eigenen bikulturellen Kinder, geflüchtete Kinder, Expats und Freunde unterschiedlicher Kulturen und Herkünfte.
Wir erschaffen deine Gemeinschaft jeden Tag neu und hoffen, dass wir so zu einer menschenfreundlicheren und toleranteren Welt beitragen können.

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